website statistics
Von Andrea Schmits am 1. Februar 2010 um 8.00 Uhr
Kategorien: Reiseliteratur

Vor knapp zwei Jahren machte ein “Lonely-Planet”-Autor mit einem Enthüllungsbuch über “Lonely Planet” Furore. Weite Teile des Inhalts seien nur erfunden, hiess es. Nach der Lektüre des Buches glaube man dem Reiseführer nur noch die Hälfte.

Das Buch “Do Travel Writers Go To Hell?” von Thomas Kohnstamm gibt es seit wenigen Monaten auch auf Deutsch und fiel mir kürzlich zufällig in die Hände. Zwar habe ich noch nie im Leben einen Reiseführer von “Lonely Planet” besessen (meiner Meinung nach zu schwer, zu dick und zu teuer), trotzdem wollte ich wissen, was für Missstände Kohnstamm in seinem Buch denn so enthüllte. Schliesslich sah sich damals “Lonely Planet” ganz schön in Bedrängnis, was auch diese offizielle Erklärung beweist.

Ich frage mich allerdings, warum!Kohnstamm-Cover Denn die Enthüllungen waren nicht halb so schlimm, wie ich es befürchtet hatte – und das Buch zum grössten Teil ziemlich langweilig. Unter dem unsäglich langen deutschen Titel “Die absolut ehrlichen und völlig schamlosen Bekenntnisse eines professionellen Reiseführer-Autors” (hätte man nicht einfach den englischen Titel übersetzen können?) erzählt Kohnstamm auf über 300 Seiten von seinem ersten Auftrag für “Lonely Planet”, einen Reisführer über Brasilien zu überarbeiten. Wirkliche Enthüllungen findet man allerdings selten – am liebsten erzählt Kohnstamm davon, wie er auf verschiedenen Drogen mit möglichst vielen Frauen geschlafen hat.
Die paar “Skandale”, die er schliesslich “enthüllt”, kann man wie folgt zusammenfassen:

  • * Für eine umfassende Recherche, um den bereits bestehenden Brasilien-Reiseführer für eine neue Auflage zu überarbeiten, hatte Kohnstamm nur zwei Monate Zeit – zu wenig für ein so grosses Land, ausserdem muss neben Zeit für Recherche auch noch Zeit zum Schreiben eingerechnet werden.
    Zitat: “Zwischen dem, was der Autor leisten soll, und dem, was er realistischerweise in der vorhandenen Zeit und mit dem vorhandenen Budget leisten kann, klafft eine riesige Lücke.”
  • * Nicht jedes Restaurant, das im Reiseführer empfohlen wird, testete Kohnstamm selber – oft musste ein Blick auf die Speisekarte genügen. Zum Einen konnte er sich wegen dem geringen Budget nicht leisten, dauernd im Restaurant zu essen, zum Anderen hätte er bei der wenigen Zeit, die er hatte, täglich mehrmals zu Mittag und zu Abend essen müssen, um alle Restaurants zu testen.
  • * Kohnstamm verdiente offenbar so wenig, dass er sogar (wenig erfolgreich) mit Drogen dealen “musste”, um in Brasilien über die Runden zu kommen.
  • * Wegen dem geringen Budget fing er an, Einladungen von Hotels, Restaurants und Bars anzunehmen – was einem “Lonely-Planet”-Autor untersagt ist, damit er unbestechlich bleibt. So erhält ein Restaurant von Kohnstamm schliesslich die Empfehlung “guter Service”. Dort hat er allerdings gar nichts konsumiert – dafür aber mit der Kellnerin geschlafen.
  • * Kohnstamm kritisiert grundsätzlich die Entwicklung “Lonely Planets” von einem Insider-Reiseführer für Backpacker zum Mainstream-Führer.
    Zitat: “Früher hat ,Lonely Planet’ freimütige Tipps zu Sex und Drogen gegeben und den Leuten erzählt, wie sie am billigsten über die Runden kommen. Heute sollen die Bücher so wenig anecken wie möglich, man muss ständig erzählen, wie toll und spannend es überall ist – unappetitliche Details aus der Wirklichkeit sind eher unerwünscht.”

Mein Fazit? Unglaublich schockiert bin ich nicht. Oder erwartet wirklich jemand, dass bei einem derart umfassenden Reiseführer über ein so grosses Land wirklich jedes Dorf, jedes Restaurant und jedes Hotel umfassend getestet wurde? Erst recht, wenn der Führer von einem Amerikaner geschrieben wurde, der das Land auch nur von Ferien her kennt?

Bei vielen Reiseführern stehen auf den hintersten Seiten Angaben zum Autor. Persönlich würde ich eher Reiseführer wählen, deren Autoren in dem betreffenden Land auch wirklich leben. Dann kann man davon ausgehen, dass wirklich der eine oder andere Insidertipp drinsteht und die Tipps zum Teil auf jahrelangen Erfahrungen beruhen. Zudem sollte man den Reiseführer nur als Anstoss für Ideen sehen und auch eigene Wege beschreiten – statt jedem Reiseführer-Tipp hinterherzuhecheln.

Kohnstamm, Thomas:
“Die absolut ehrlichen und völlig schamlosen Bekenntnisse eines professionellen Reiseführer-Autors”, Malik Verlag, 303 Seiten, CHF 32.90

Weiterempfehlen

Ein Kommentar

  1. [...] schrieb unter dem Titel “Do Travel Writers Go To Hell?” ein angebliches Enthüllungsbuch. Andreas Schmits von ebookers.ch hat die seit zwei Monaten erhältliche Deutsche Fassung mit dem Titel “Die absolut ehrlichen und [...]

Schreiben Sie einen Kommentar

Wir behalten uns vor, Kommentare, die offensichtlich zwecks Werbung oder Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.